Die Wandlung des abendländischen Bewusstseins

Zum Lebenswerk von Jean Gebser

Von Walter Thoms (Quelle: Ursprung und Gegenwart des integralen Bewusstseins. Humbolf Gesellschaft 1976)

Am 14. Mai 1973 ist Jean Gebser zum Ursprung heimgekehrt (er hat diese Welt verlassen). Er war Mitglied der Akademischen Rates der Humboldt-Gesellschaft. Auf der Akademiesitzung in München am 12. 6. 1971 hielt er einen grundlegenden Vortrag über: „Dualismus und Polarität". „Der Vortrag in München war einer der letzten, die Gebser hielt. Die beiden, die noch folgten, basierten auf dem Thema „Dualismus und Polarität", schrieb mir Frau Jo Gebser am 13. 2. 1975.
Es war die Absicht der Humboldt-Gesellschaft, eine Akademiesitzung zu organisieren, auf der zusammen mit dem Gelehrten und anderen Referenten sein Lebenswerk von Anhängern und Widersachern, Neutralen und Gegnern eine Würdigung erfahren sollte. Das war nicht mehr möglich; die körperlichen Kräfte Jean Gebsers versagten. Doch am 19.4. 1975 konnte in Mainz folgendes Programm zum Hinweis auf Jean Gebsers Lebenswerk durchgeführt werden:

1. Frau Jo Gebser gibt einen kurzen Abriß der Biographie Jean Gebsers und liest dessen „Wintergedicht".
2. Vortrag von Professor Dr. Joachim Illies, Max-Planck-Institut für Limnologie: Ursprung und Wandlung — die Botschaft Jean Gebsers.
3. Vortrag von Professor Dr. med. Arthur Jores, Universität Hamburg: Jean Gebsers Modell von Entfaltungsstufen der Menschheit, verglichen mit dem Auftreten und der Häufigkeit von Krankheiten.
4. Vortrag von Dr. Detlef-Ingo Lauf, C. G. Jung-Institut, Zürich: Jean Gebsers Konkretion des Geistigen — Wege zur Transparenz in Ost und West.
5. Symposion: Frau Jo Gebser liest Gedichte von Jean Gebser.

Der Besuch dieser Veranstaltungen war hervorragend. Diese eindrucksvollen Vorträge noch einmal lesen zu können, war der spontan geäußerte Wunsch einer Vielzahl von Besuchern. Sie liegen nun vor. Mögen diese Vorträge die Verbreitung und Wirkung finden, die sie verdienen.
„Die Botschaft Jean Gebsers" als Thema zur Zusammenfassung des Lebenswerkes dieses Kulturkritikers und Philosophen beweist schon die Mächtigkeit des Werkes; denn seine „Botschaft" ist sowohl Sinndeutung als auch Wegweisung von epochaler Bedeutung: die „Abendländische Wandlung", geschrieben von Dezember 1941 bis April 1942 hat zum Inhalt die Mutation des mentalrationalen zum integralen Bewußtsein.
Aus der mental- rationalen Bewußtseinsstruktur erwuchs die moderne Wissenschaft mit der Vorherrschaft der Naturwissenschaften und in ihrem Gefolge die technisch-ökonomische Weltschau und Lebensgestaltung. Ihr Strukturmerkmal ist der Dualismus, der die Gegensätze unverbunden nebeneinanderstellt; vielfach stehen sie sich sogar feindlich gegenüber. Die Unterscheidung zwischen Körper (res extensa) und Geist (res cogitans), die beziehungslos bei Rene Descartes (lateinisch Cartesius, f 1650) nebeneinander stehen, sei als ein grundlegendes Beispiel von Dualismus in der Philosophie erwähnt. „ Damit war die Komplementarität, ja die Polarität von Innen und Außen, von ,Innentechnik' und ,Außentechnik' zerrissen — und die Säkularisierung, die betonte Hiesigkeit unserer Weltvorstellung, eingeleitet. Dies bedeutete für das Abendland einen weitgehenden Verlust der Innenwelt, der jedoch zuerst durch den Gewinn an Macht über die Außenwelt kompensiert schien." (Jean Gebser, Verfall und Teilhabe. Salzburg 1974, S. 20)
Die eine Aufgabe des neuen, des integralen Bewußtseins, ist die "Überwindung des Dualismus, auf die ich seit 30 Jahren als eines der Hauptcharakteristika des neuen Bewußtseins aufmerksam gemacht habe, wobei ich die ersten Ansätze dazu auf den verschiedensten Gebieten erwähnte." (a. a. O. Seite 61/62)
Die andere Aufgabe besteht darin, die „Polarität als Weltgesetz und Lebensprinzip" (Band 3 der Abhandlungen der Humboldt-Gesellschaft. Mannheim 1974) wieder zur Gestaltung und Wirkung zu bringen. — „Die Polarität ist das Hauptcharakteristikum der mythischen Bewußtseinsstruktur. .. Letztlich bildet sie die Grundstruktur, die im Ursprung allem Lebendigen verliehen wird." (a. a. O. Seite 25).
Die Überwindung des Dualismus mit Hilfe der Polarität kann m seiner Bedeutung und in seinem Ansatz auch dadurch erkannt werden, daß die Verdrängung der Polarität durch den Dualismus erkannt wird. Dazu einige Hinweise bei Jean Gebser. . . . „die Inthronisierung des Dualismus, der ein symptomatischer Vorgang des defizient Mentalen, nämlich des Rationalismus ist. . . . Lenin spricht dann davon, daß die .Dialektik die Erforschung der Widersprüche im Wesen der Dinge selbst ist. Damit wird jede Polarität endgültig negiert und der Gegensatz als ,im Wesen der Dinge selbst' liegend gedacht. Aber es ist nicht der Gegensatz, .der im Wesen der Dinge ist', sondern es ist die Polarität." (a. a. O. S. 27/28). Es ist trostreich zu wissen, daß „die rationale Sackgassen-Situation des nichts-als-gegensätzlichen Denkens . . .überwunden wird." (a. a. O. S. 36)
Der Einfluß von Jean Gebser auf meine Forschungen über „Wirtschaft und Unternehmung" und die persönliche Begegnung mit ihm habe ich in meinem Beitrag „Die Zukunft der Unternehmung" (in „Polarität als Weltgesetz und Lebensprinzip") kurz behandelt. Jean Gebser weist gangbare Wege zum Ausbau einer neuen Lebensordnung mit Hilfe des integralen Bewußtseins, in dem alle Bewußtseinsfrequenzen „aufgehoben" sind, um die Ganzheit unserer Wirklichkeit erkennen zu können; denn diese Erkenntnis erschließt die Wege zur möglichen Verwirklichung aller Dimensionen des menschlichen Lebens mit ihren entsprechenden Ordnungen.
In dem „Manifest des neuen Bewußtseins" (a. a. O. S. 62) ... „zeichnen sich die Grundlagen einer neuen Wirklichkeits-Erfassung ab, welche einer grundlegend neuen Geisteshaltung entspringen und eine grundlegende Umstellung und Veränderung der sozialen, ökonomischen und mitmenschlichen Verhältnisses einleiten, die sich bis in die differenziertesten Verästelungen unserer Gesellschaftsstruktur und -form auswirken werden. Dabei ist der diese Veränderung bewirkende Prozeß diesmal keine Revolution, sondern die geistige, bewußtseinsmäßige Mutation, die bereits stattfindet und unaufhaltbar ist." (a. a. O. S. 62)
Weil ich aus persönlicher Erfahrung von dieser Einsicht Jean Gebsers überzeugt bin, glaube ich auch legitimiert zu sein, hinweisen zu dürfen auf die „Gesamtausgabe in acht Bänden: Jean Gebser", die im Novalis-Verlag Schaffhausen erscheint. Die Ankündigung dieser Gesamtausgabe schließt mit dem Satz: „Jean Gebsers Gedanken sind ermutigend; er sah durch alle Krisen hindurch für die Welt und die Menschheit eine neue, positive Wirklichkeit."
Der integrale Mensch in der polaren Welt sieht in dem Lebenswerk von Jean Gebser kein Dogma aber eine „Botschaft", eine Sinndeutung und Wegweisung als wertvolle Hilfe für das eigene persönliche Denken und Handeln.