Das Phänomen der ultrakleinen Dosen
Die ultrakleinen Dosen (kurz UHD für Ultra-high Dilution) in der Homöopathie sind in der Regel der Ausgangspunkt für die fortwährende kritischen Beurteilung dieses Therapieverfahrens. Die Homöopathie verwendet regelmäßig Verdünnungen, die jenseits der so genannten Lohschmidtschen Konstante von 10 -23 beziehungsweise 100 -12 liegen. In dieser Verdünnung kann laut Wahrscheinlichkeitsrechnung kein Molekül mehr enthalten sein. Aus Sicht der orthodoxen Wissenschaften ist somit eine Wirksamkeit der Homöopathie als nicht plausibel zu betrachten. Die folgerichtige Schlussfolgerung ist in diesem Fall die Hypothese, dass die Wirkung der Homöopathie rein auf Placebo beruhen muss.
Dagegen stehen jedoch zahllose Heilungsberichte aus allen Kontinenten, ohne diese das Verfahren sicherlich nicht über diesen Zeitraum nicht nur hätte bestehen, sondern sich über die ganze Welt ausbreiten und sich etablieren können. Andere, zu Zeiten Hahnemann´s hochaktuelle Theorien wie der Brownianismus, waren wesentlich einflussreicher und wurden von einem Großteil der medizinischen Lehrer und Akademiker der dortigen Zeit übernommen. Jedoch wurden diese Theorien aufgrund mangelnder therapeutischer Effekte verworfen, so dass sie keinerlei Spuren in der medizinischen Praxis unserer Tage hinterlassen haben. Im Gegensatz dazu ist die Popularität der Homöopathie immer noch am steigen. (Walach 2003)
Schon zu Lebzeiten Hahnemanns stießen sich nicht nur die Kritiker an dem Phänomen der „Heilung mit dem Nichts“. Hahnemann wandte im Laufe der Zeit immer höhere homöopathische Verdünnungen an. So begann er im Jahre 1837 eine homöopathische Behandlung üblicherweise mit der C 30, was einer Verdünnungsstufe von 100-30 entspricht, eine Verdünnung weit über der Lohschmidtschen Konstante von 100-12 . (Barthel 1990) Diese Entwicklung lieferte schon damals nicht nur Stoff für die Kritiker. Auch eine Gruppe homöopathischer Ärzte wollte dieser Entwicklung zu immer höheren Verdünnungen nicht mehr folgen. Sie entwickelten die so genannte D Potenz, bei der die Arznei bei der Herstellung anstatt im Verhältnis 1/100 nur noch im Verhältnis 1/10 schrittweise verdünnt wird. Dadurch erhofften Sie sich der Kritik bezüglich der extrem starken Verdünnungen entziehen zu können.
Die Wirksamkeit dieser hohen Verdünnungen war auch Hahnemann wissenschaftlich nicht plausibel. In den Jahren vor der Entwicklung der Homöopathie hatte er sich unter anderem intensiv mit der Chemie auseinander gesetzt, dabei zahlreiche Standardwerke übersetzt und kommentiert, und sich dabei einen guten Ruf in wissenschaftlichen Kreisen verschafft. Schlussendlich führte ihn diese intensive Beschäftigung mit den Randwissenschaften der Medizin zur Entwicklung der homöopathischen Heilmethode und dabei, basierend auf praktischen Erwägungen und praktischen Erfahrungen, zur Entwicklung der hohen Verdünnungen.
So schreibt Hahnenmann im Jahre 1835 zu dem Thema der hohen Verdünnungen: „daß man sich schon sehr zu überwinden habe, um zu glauben, eine solche Kleinigkeit, eine so ungeheuer kleine Gabe Arznei werde überhaupt das Mindeste im menschlichen Körper wirken, geschweige denn gegen oft so ungeheuer große, langwierige Krankheiten, daß aber dem Arzte der Verstand still stehen müsse, wenn er glauben solle, jene ungeheuer kleine Gabe werde nicht nur etwa 2, 3 Tage, nein! 20, 30, 40 Tage und länger wirken und bis zum letzten Tage noch wichtige, unersetzlich wohlthätige Wirkungen hervorbringen.“ (Hahnemann 1979a)
Praktische Erfahrungen haben bei Hahnemann zeitlebens einen höheren Stellenwert als theoretischen Einwände (siehe dazu auch die Diskussion über den Stellenwert der Plausibilität auf dieser Seite). Dies darf man als einen Grund für das über 200 jährige Bestehen der Homöopathie betrachten. Noch heute beruht das Selbstverständnis der Homöopathen auf dem Grundsatz, praktische Erfahrungen über theoretische Bedenken zu stellen. So schreibt Dorsci im Jahre 1961:
„Die Homöopathie ist eine Wissenschaft der Erfahrung und will nicht durch Diskussion und Theorie, sondern durch Tatsachen und Ergebnisse beurteilt werden (P.Schmidt). Das Problem der hochpotenzierten Arznei ist nicht ein rechnerisches, sondern eines der Erfahrung und kritischen Nachprüfung. Die Voraussage der Arzneiwirkung (Dorsci) und die Beobachtung der Arzneiwirkungen (Kent) sind genügend wissenschaftliche Argumente für unser verantwortliches Handeln, denen in geeigneten Fällen Laboratoriumsbefunde beigefügt werden könnten.“ (Dorsci 1961)
Hahnemann sah jedoch auch die Notwendigkeit der Rechtfertigung für die Verwendung der Hochpotenzen in der homöopathischen Therapie. So publizierte er unter anderem einen Aufsatz mit dem Titel „Wie können kleine Gaben so sehr verdünnter Arznei, wie die Homöopathie sie vorschreibt, noch Kraft haben“ (Hahnemann 1979b). Er ging aber schon damals davon aus, dass die Wirksamkeit der homöopathischen Hochpotenzen nicht auf pharmakologischen Wirkprinzipien beruht. Die Wirkung der homöopathischen Arzneien bezeichnete er als eine geistartige Kraft, die im inneren der Arzneien verborgen ist. So im §20 des Organon der Heilkunst: „Diese im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft, Menschenbefinden umzuändern (und daher Krankheiten zu heilen), ist uns auf keine Weise mit bloßer Verstandesanstrengung an sich erkennbar;...“ (Samuel Hahnemann, Schmidt 1992)
Diese "geistarige" Wirkung der homöopathischen Hochpotenzen stellten für Hahnemann noch kein großes Problem dar, lebte er in einer Epoche in deren Weltbild Geist und Materie, Spiritualität/Religion und Wissenschaft noch friedlich miteinander koexistieren konnten. Dies änderte sich erst gegen Ende seines Lebens in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, so dass bis heute Spiritualität und Wissenschaft zwei sich ausschließende und häufig sich bekämpfende Weltbilder darstellen (mehr dazu in der Publikation Spirituality- The Legacy of Parapsychology).
Die RCT (Doppelblindstudie) wird heute in der konventionellen medizinischen Forschung als das primäre Instrument angesehen, pharmakologische Wirkungen von nicht- pharmakologischen Wirkungen (Placebowirkung) zu unterscheiden. Gehen wir von Hahnemanns Prämisse aus, dass die Wirkung der homöopathischen Arzneimittel auf einer "geistartigen Kraft" beruht, dann ist es nicht verwunderlich dass die Ergebnisse der homöopathisches Forschung im Rahmen der RCT ein uneinheitliches und chaotisches Element zeigen. Zudem erscheint es zumindest nur als bedingt sinnvoll die Homöopathie im Rahmen einer RCT zu erforschen, ausgehend von der Annahme, dass der Homöopathie kein pharmakologisches Wirkprinzip zugrunde liegt.
Die Ergebnisse im Rahmen der RCT hat unter anderem Walach dazu geführt sich von einem pharmakologischen/ lokalen Paradigma der Homöopathie zu lösen und die Wirkungen der Homöopathie im Rahmen eines Modells der nichtlokalen Verbundenheit (Generalisierte Quantentheorie) zu diskutieren. (siehe theoretische Modelle)
James Ladd Baur kommt in seinem Editorial „ A view from Outside“ zu einem ähnlichen Schluss: die Homöopathen müssen sich wohl von ihrem kausalen pharmakologischen beziehungsweise biophysikalischen Modell der Homöopathie verabschieden und die Schulmedizin muss sich eingestehen, dass die Homöopathie mehr als ein Placebo ist:
„It is possible that allopaths will sheepishly have to admit someday that there has always been a real and effective process behind homeopathic remedies, which today is not understood. Homeopaths might also discover (and be able to bear the news as more selfless scientists) that specific remedies have nothing to do with the positive results found in their process—and go on to allow homeopathy to evolve into something beyond what it is now. All could benefit from learning what homeopathy has to demonstrate about the uses of time and attention in restoring human balance, both in the healer and the patient” .